Grenzen setzen: Nein sagen kann schwer sein

Manchmal fordern andere Menschen von uns mehr, als wir geben können – oder sie wollen Dinge von uns, die wir gar nicht tun oder geben möchten. In solchen Situationen helfen uns Grenzen dabei, auf uns selbst aufzupassen und so authentisch wie möglich durch unser Leben zu gehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um Grenzen im persönlichen oder beruflichen Kontext geht. Doch vielen von uns fällt es schwer, sie zu setzen. Sei es, dass wir dazu erzogen wurden, unsere eigenen Bedürfnisse für Andere aufzugeben oder hintanzustellen, oder wir uns nicht trauen, unbequem für unser Gegenüber zu sein. Vielleicht wollen wir auch nicht als egoistisch angesehen werden und Konflikte vermeiden. Da ist diese Angst, zu enttäuschen, wenn wir Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren. Das leise Stimmchen, das uns einflüstert, dass unser Wert davon abhängt, ob Andere uns mögen. Oder sogar die Angst davor, eine Beziehung könne in die Brüche gehen, und vor dem damit einhergehenden Verlust.

Natürlich kann man nicht von der Hand weisen, dass manche dieser Dinge eintreten könnten. Wenn wir das nicht innerlich wüssten, würden wir häufig anders handeln. Der Druck, der mit diesem Wissen einhergeht, führt dazu, dass wir uns allzu häufig selbst aufgeben. Wir lassen uns ausnutzen, von außen steuern und sind unglücklich. Vielleicht ist da auch Wut und Enttäuschung – auf uns selbst und Andere -, doch letztlich lassen wir es wieder geschehen, denn die Alternative wirkt zu erschreckend.

Grenzen setzen: Lernen, für uns selbst einzustehen

Der Weg zu uns Selbst beginnt häufig mit der Frage: Möchte ich, dass es mein Leben lang so bleibt? Wenn die Antwort „Nein“ lautet, können wir beginnen, uns nach und nach unser Leben und unsere Wahrhaftigkeit zurückzuerobern.

Dabei gibt es zwei Wege, die man beschreiten kann. Der eine ist die innere Arbeit mit den Teilen in uns, die unsere Ängste und Glaubenssätze halten. Der andere ist, die Grenzen nach außen zu kommunizieren und konsequent einzuhalten. Meiner Erfahrung nach folgt der zweite Schritt fast automatisch, wenn das innere System Erleichterung erfahren und mehr Vertrauen gewonnen hat.

Unsere inneren Teile halten Bürden, die sie nicht hätten tragen dürfen. Sie helfen uns auf eine Art, die zu ihrer Entstehungszeit Sinn gemacht hat, aber heute hinderlich sein kann. Ihre Reaktionen können auch unangemessen stark für eine Situation ausfallen. Wir können uns regelrecht dabei zusehen, wie etwas Größeres aus uns herausbricht oder uns überflutet. Unsere Teile reagieren automatisch auf eine Situation, sind dabei aber nicht im Jetzt. Sie befinden sich in der Vergangenheit, in der sie ihr Verhalten zum ersten Mal erfolgreich eingesetzt haben. In der therapeutischen Arbeit lernen wir, ihnen das zu geben, was sie damals gebraucht hätten. Was das ist, kann von Teil zu Teil unterschiedlich sein.

Wenn wir diese innere Arbeit machen, finden wir immer mehr heraus, welche Bedürfnisse wir haben und wie wir diese stillen können. Gleichzeitig lernen wir, dass wir für uns selbst sorgen können, und bauen dabei eine neue Form der Unabhängigkeit auf. Wir benötigen kein OK mehr von außen, um uns selbst OK zu fühlen. Wir lernen, dass die Gefühle des Anderen seine Verantwortung und nicht unsere sind. Manchmal kann in der inneren Arbeit auch wichtig sein, die Päckchen, die wir uns von anderen aufgeschultert haben, zurückzugeben. Dabei gehen wir nicht sofort in eine Konfrontation mit der anderen Person. Der erste Schritt ist, diese Zurückgabe innerlich auszuführen. Möglicherweise ist die Konfrontation dann schon gar nicht mehr nötig. Wenn wir die Verantwortung zurück gegeben haben, können wir damit beginnen, uns in Übereinstimmung mit unseren eigenen Werten und Wünschen zu bewegen.

Grenzen setzen: Übungen im sicheren Rahmen

Für manche Teile ist dieser Prozess schnell, weil sie schon lange darauf gewartet haben. Für andere ist es ein komplexerer Prozess und muss immer wieder geübt und verinnerlicht werden. Für sie ist das Setzen von Grenzen eventuell nicht sicher und mit der Angst vor Strafe, bevorstehendem Unheil, Ausgrenzung und anderen belastenden Befürchtungen verbunden. Sie müssen nach und nach verstehen und erfahren, dass dies im Jetzt sicher ist. Dafür benötigt es eine Person zum Üben. Das kann im freundschaftlichen oder auch im therapeutischen Rahmen geschehen. Wichtig ist, dass die Person von unserem System als sicher wahrgenommen wird.

Beim Üben von Grenzen können sich Vorbilder als hilfreich erweisen. Diese können real sein, aber auch fiktive Figuren aus Filmen, Büchern oder Comics. Vielleicht gibt es eine Person, die besonders klar kommuniziert und Grenzen setzen kann. Oder sie ist besonders mutig und ihr Vorbild hilft uns, mit unserem eigenen Mut in Verbindung zu kommen. Wir selbst entscheiden, wie die Person aussehen soll, zu der wir werden wollen.

Der Auslöser für unsere früheren automatischen Reaktionen wird uns weiter begegnen. Durch die innere Arbeit bekommen wir die Möglichkeit, anders auf diese Situationen zu reagieren. Wir verstehen besser, was in uns passiert und was wir benötigen, um diese Herausforderung anders zu lösen. Es wird leichter für uns, klarer und ohne Rechtfertigung zu kommunizieren. Die Grenzen, die wir setzen, sind keine Regel für die Anderen. Es sind unsere Werte, an denen wir unser Verhalten ausrichten.

Und manchmal begegnen wir im Prozess auch ganz neuen Gedanken, Ängsten und Glaubenssätzen. Sie weisen uns auf etwas in uns hin, das noch Aufmerksamkeit braucht.

Es ist ein wenig wie die Haut einer Zwiebel. Unter der Schicht, mit der wir gearbeitet haben, kann sich ein anderer Aspekt zeigen. Wichtig ist es, hier nicht ungeduldig mit uns zu werden. Anfangs kommt man häufiger an diese neuen Schichten, denn es gibt viel in uns, was gesehen werden will. Mit der Zeit wird die Arbeit mit dem System jedoch leichter, weil wir uns besser kennen und unsere innere Welt Vertrauen zu uns gefasst hat.

Wenn wir diese innere Arbeit machen, finden wir immer mehr heraus, welche Bedürfnisse wir haben und welche Grenzen wir benötigen, um diese zu schützen. Gleichzeitig lernen wir, dass wir für uns selbst sorgen können und bauen dabei eine neue Form der Unabhängigkeit auf. Wir dürfen akzeptieren, dass die Gefühle des Anderen seine Verantwortung und nicht unsere sind. Und wir verstehen, dass ein „Nein“ nicht unhöflich, sondern ein Akt der Selbstachtung ist, weil wir unsere eigenen Bedürfnisse kennen und achten.