Jetzt ist es schon wieder passiert. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dieses Mal ganz ruhig zu bleiben und in eine sachliche Diskussion zu gehen. Aber diese Person hat irgendwas an sich, das Erinnerungen weckt. Plötzlich bin ich wieder ein Kind, fühle mich nicht gehört und ziemlich ohnmächtig. Ich ziehe mich zurück und schweige, aber in meinem Kopf sind plötzlich all diese schlimmen Gedanken. Und wenn ich dann nicht in Ruhe gelassen werde, kommen Worte aus meinem Mund, die deutlich härter und gemeiner sind als ich es selbst erwartet habe. Dabei wollte ich mein Gegenüber überhaupt nicht verletzen und verstehe selbst nicht genau, was gerade in mich gefahren ist.
Kennst Du sowas auch? Vielleicht drückt es sich bei Dir anders aus, hat eine ganz eigene – eben Deine persönliche – Note. Solche Situationen haben meist eines gemeinsam: wir schämen uns. Häufig setzen wir Scham mit Schuld gleich. Dabei gibt es zwischen beiden einen wichtigen Unterschied. Wenn wir uns in einer Situation unangemessen verhalten haben und Schuldgefühle haben, können wir daraus lernen. Wir können Reue zeigen und es beim nächsten Mal besser machen. Anders sieht es bei Scham aus. Dann geht es nicht mehr nur um unser Verhalten, sondern wir selbst sind nicht ok. Es geht um unseren inneren Kern, um das Gefühl „ein schlechter, unkompetenter und unwürdiger Mensch“ zu sein. Wir fühlen uns klein, macht- und wertlos. Und können in diesen Gefühlen unserem Gegenüber nicht mehr auf Augenhöhe begegnen.
Toxische Scham: Therapie kann helfen, sie zu verstehen
Toxische Scham entsteht in der frühen Kindheit, beispielsweise durch emotionale Vernachlässigung oder die Abwesenheit einer liebevollen Spiegelung. Auch Missbrauch und Demütigungen können Ursachen sein. Als Kinder sind wir abhängig von unseren Bezugspersonen. Das kann dazu führen, dass wir uns nicht gegen ihre Worte auflehnen, sondern sie in uns aufnehmen und negative Gefühle gegen uns selbst richten. „Die Eltern meinen es ja gut mit mir und sorgen dafür, dass ich überlebe. Dann muss es an mir liegen. Ich bin falsch.“ Durch solche Erfahrungen haben sich Teile geformt, die uns damals durch die schwierigen Situationen geholfen haben und innere Überzeugungen tragen wie: „Ich bin falsch“ oder „Ich bin einfach nicht liebenswert“. Häufig haben sich um die Wunde der Scham viele unterschiedliche Teile als Beschützer angesiedelt.
Lässt sich Scham überwinden?
Wenn wir in eine Situation geraten, in der wir uns plötzlich wieder klein, ohnmächtig oder gar wertlos fühlen, dann sind es oft diese Anteile, die wieder aktiv werden. Durch die Arbeit mit der IFS-Therapie können wir ihre Erfahrungen, Befürchtungen und ihre Aufgabe besser verstehen lernen. Und ihnen das Verständnis, die Liebe und die Zuwendung geben, die sie benötigen. Vielleicht hast Du auch schon einmal bemerkt, dass man sich fast in der Zeit zurück versetzt fühlt und die Vergangenheit sich plötzlich wieder greifbar nah anfühlt. Das liegt daran, dass diese Teile häufig in der Zeit eingefroren sind und keine Ahnung haben, dass wir nun erwachsene Menschen sind und über viel mehr Fähigkeiten und Durchsetzungskraft verfügen als wir es als Kinder hatten. Diese Teile ins Jetzt zu holen ist ein weiterer, wichtiger Schritt zur Integration. Das Wissen darum, weshalb, wann und wie sich die Teile zeigen führt dazu, dass man einen neuen Umgang mit sich selbst und damit auch mit den schwierigen Situationen finden kann. Gleichzeitig führt die Arbeit mit den Anteilen auch dazu, dass wir nach und nach die Scham überwinden und neue, positivere Verknüpfungen zu uns selbst erschaffen.
